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Stellungnahme zum Erhalt und die Zukunft der Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen

ALZ Haus nah 109

Vorab:

Das Bündnis für Menschenwürde und Arbeit

Eine Geschichte von Aufstehen und Mitmachen

Aufstehen und Mitmachen, die ersten Schritte zu einem Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde, sind auch die zentralen Elemente der Arbeit des BMA. Aufstehen impliziert ein waches Bewusstsein von der eigenen Würde und der existentiellen Bedeutung des „aufrechten Gangs“, die Weigerung, sich - von wem auch immer - klein oder „platt“ machen zu lassen, und die Bereitschaft, mit der ganzen Person für ein menschenwürdiges Dasein nicht nur für sich, sondern für alle Mitmenschen geradezustehen. Mitmachen impliziert die Erkenntnis, dass es viele Menschen in gleicher oder ähnlicher Lebenslage gibt, die nur in gemeinsamer Anstrengung ihre Daseinsbedingungen verändern und eine humane Gesellschaft, die diesen Namen verdient, aufbauen können, und die Bereitschaft, sich um dieses Zieles willen mit den anderen zu solidarischem Kampf zusammenzuschließen.
Aufstehen und Mitmachen bestimmten das Denken und Handeln des Bündnisses von Anfang an.
Erwachsen aus dem pastoralen Schwerpunkt „Kirche und Arbeiterschaft“ im Bistum Aachen, sollte das Bündnis nach dem Willen der Gründungsmütter und -väter einen neuen Aufbruch wagen, entschiedene Schritte über die institutionellen Grenzen der Kirche hinaus „in die Welt“ tun und die gesellschaftlichen Kräfte (u.a. die Gewerkschaften) zum Mitmachen einladen, die sich solidarisch gegen die wachsende soziale Kälte und Gleichgültigkeit eines menschenfeindlichen Wirtschaftssystems und für soziale Gerechtigkeit einsetzen wollten.

Zur Diskussion um die Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen:

Die Diskussion um den Erhalt und die Zukunft der Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen - einer äußerst wertvollen Arbeit vieler Einrichtungen im Land NRW - begleitet manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren schon seit Jahrzehnten. Wechselnde politische Mehrheiten der Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen führten entweder zu mehr oder weniger sicherer staatlicher finanzieller Förderung – oder auch schon mal zum Beenden der Förderung durch den damaligen Arbeitsminister Laumann.

Die derzeit durch den Landesarbeitsminister Laumann formulierte Absicht, die Förderung derArbeitslosenzentren aus ESF-Mitteln zu beenden und den Beratungsstellen ein neues Profil der Beratung zu „verpassen“, setzt die Unsicherheiten für die Menschen, die in den „Genuss“ von Begegnungs- und Beratungsangeboten kommen, sowie für die Mitarbeitenden in den Einrichtungen fort.

Der Ansatz, des Arbeitsministers Franz-Josef Laumann, die Beratungsarbeit zukünftig mit seinerInitiative zur Bekämpfung ausbeuterischer Beschäftigungsverhältnisse zu verzahnen, könnte nur gelingen, wenn entsprechende Mittel aufgestockt werden, um das dann erweiterte Spektrum von Beratungsleistungen auch personell abzubilden. (Die schwindenden ESF-Fonds stehen dem aber entgegen.)

Ansonsten kann die Laumann-Initiative nur als ein weiterer Beitrag dazu betrachtet werden, „teile und herrsche“ zu praktizieren: durch das Gegeneinander-Ausspielen von gesellschaftlich schwachen Gruppen ohne Lobby.

Für die weitere Stellungnahme nutzen wir ein vermutlich untypisches Format in der politischen Diskussion. Assoziativ wollen wir mit einigen literarischen, sozialwissenschaftlichen und medizinischen Aussagen das dringende Anliegen darlegen, und für den Erhalt der Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen eintreten. Der sicher festzustellende Rückgang in der Arbeitslosigkeit der letzten Jahre bietet aber nach wie vor die „andere Seite“, dass die Gruppe der Langzeitarbeitslosen intensiver Begleitung und Begegnung bedürfen. Dies ist auch unter gewandelten Strukturen in den Jobcentern nicht gewährleistet.1 Weiter gibt es angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Situation durchaus ernstzunehmende Stimmen, die von einem erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit in nächster Zeit ausgehen.

1 So konnten die Agenturen und Jobcenter für die neuen Förderprogramme Eingliederung von Langzeitarbeitslosen und Teilhabe am Arbeitsmarkt anders als politisch geplant nur etwa 25.000 Stellen der mal geplanten 150.000 Stellen jährlich einwerben und besetzten: Download am 06.03.2020: https://www.o-ton-arbeitsmarkt.de/rubrik/datenbank/oeffentlich-gefoerderte-beschaeftigung


 Gesellschaftliche Klimafrage:

Wir wählen einen Ansatzpunkt für die Stellungnahme zur Frage der zukünftigen Förderung der Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen in der Sozial- und Globalisierungsreportage, die der Philosophie-Journalist Jürgen Wiebicke 2015 nach einer Wanderung durch NRW geschrieben hat: „Zu Fuß durch ein nervöses Land“. 2

Eine der frühen Stationen von Wiebickes Wanderung ist das Schützenfest in Dormagen. Er wird begleitet von Hans Scholten, dem ehemaligen Leiter des Raphaelshauses – einer Jugendhilfeeinrichtung. Er weist den Städter Wiebicke auf die Besonderheiten des Schützenwesens hin und Wiebicke formuliert: „Offenkundig spielt hier die Gesellschaft ein Spiel, das einen ernsten Kern hat. … Die Anerkennung die hier verteilt wird, das sehe ich in jedem Gesicht, ist aufrichtig gemeint.“ Wiebicke spricht über den Verlust von Ritualen, die die Gesellschaft zusammenhalten. „Alte Rituale lassen sich kritisieren und auch zügig abschaffen, aber neue zu erfinden ist fast unmöglich. Man kann für das Recht streiten, am Karfreitag zu tanzen, man kann am 1. Mai demonstrativ ins Büro gehen. Nur werden dann alle 365 Tage des Jahres gleich sein. Es fehlt der kollektive Rhythmus, der uns wahrnehmen hilft, dass wir nicht nur einzelne unter einzelnen sind.“

Und über diese Einleitung kommen wir zur zentralen Aussage, die in dem Buch an vielfältigen Ecken deutlich wird und viel mit der Situation Langzeit-Arbeitsloser zu tun hat:

"Mir fällt ein, was Hans Scholten, der selbst kein Schütze ist, über die Bedeutung des Schützenvereins für das Zusammenleben in Dormagen gesagt hat: Dieses Vereinsleben sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Temperatur hier zwei Grad wärmer ist als anderswo."

Es geht bei der Förderung der Begegnungsarbeit in den Arbeitslosenzentren um die „gesellschaftliche Binnentemperatur“ und diese hat wie das Ringen um das 1,5 Grad Klimaziel individuelle, soziale, und politische Aspekte.

Eine weitere literarische Anknüpfung besteht in dem Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“3 ein Bestseller des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny. Sein Protagonist ist der englische Kapitän und Polarforscher John Franklin, der wegen seiner Langsamkeit immer wieder Schwierigkeiten hat, mit der Schnelllebigkeit seiner Zeit Schritt zu halten, aber schließlich doch aufgrund seiner Beharrlichkeit zu einem großen Entdecker wird.

Der nicht authentische Roman beschreibt eine, aus meiner Erfahrung4 in der Arbeit mit Langzeitarbeitslosen, wesentliche Dimension: Wie geht unsere Gesellschaft mit jenen um, die nicht den Schnelligkeits- und Geschwindigkeitsansprüchen eines getakteten Arbeitsalltags standhalten.

Die Menschen tragen die Last der Arbeitslosigkeit, die Last der Anforderungen wie eine Weltkugel auf dem Rücken. So verstanden haben die Arbeitslosenzentren immer wieder die Funktion für die Betroffenen, das diese an einem Ort ankommen können, der Ihnen Sicherheit gibt, und bei dem Vertrauen in die dort Handelnden immer wieder neu entwickelt werden muss.

Hier steht meist zunächst Begegnung und Beratung für Langzeitarbeitslose an, den Lebensalltag und die Fragen rund um die Existenzsicherung zu gewährleisten – und wieder sprach- und begegnungsfähig zu werden.

Hier gilt der Satz des Theologen Adolf von Harnack: Nichts kann einen Menschen mehr stärken, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt.

2 Zu Fuß durch ein nervöses Land: Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält – Kiepenheuer & Witsch, Köln,von Jürgen Wiebicke
3 Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit – Piper München - Erstauflage 1983
4 Dieses Papier entspringt im Wesentlichen der Feder des Bündnis-Mitglieds Hermann-Josef Kronen, der bis 2019 über 35 Jahre in der Arbeit mit und für Langzeitarbeitslose beim Volksverein Mönchengladbach tätig war.

Scheitern – das große Tabu

Sich zu verlaufen gehört zum LEBEN, aber gelegen kommt es nie.Der harmlose Begriff des Verlaufens skizziert für unzählige Menschen in unserer Gesellschaft das, was der Soziologe Sennett5 als Scheitern, dem "großen Tabu der Moderne" bezeichnet hat.

Das Scheitern frisst sich in die Biographie in einer Zeit, in der allseits erfahrbar wird, dass es für fast jeden abwärtsgehen kann, auch unwiderruflich; dass es den eigenen Kindern keineswegs automatisch bessergehen wird als einem selbst. Dass man, und sei es auch nur in der eigenen Wahrnehmung, draußen vor der Tür landen kann oder gelandet ist.

Die Angst, entbehrlich zu werden, ist neu in der Mehrheitsgesellschaft, die noch viel zu verlieren hat. Die Erfahrung, bereits entbehrlich zu sein, ist das tägliche Brot einer wachsenden Minderheit - vor allem der Arbeitslosen.

Die Frage des Scheiterns bezieht sich im Blick auf Auswege wesentlich auf die Perspektiven für die Gesellschaft allgemein und für die von Arbeitslosigkeit, Armut oder Scheitern betroffenen Menschen.

Diese Perspektiven sind aber oft nicht in Sicht und wenn, dann konkretisieren sie sich oft in prekärer Beschäftigung.

Wiederholte Erfahrungen des Scheiterns verdichten sich zu einem Teufelskreislauf von Entmutigung und Angst vor dem nächsten Scheitern, der nächsten Sackgasse.

5 Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-442-75576-X –

Szenenwechsel: Wirkungen von Arbeitslosigkeit

Wiebicke – „Bevor ich losgelaufen bin, wusste ich zwar einiges darüber, was die Monokulturen in der Landwirtschaft für Verheerungen anrichten. Aber dieses Wissen war abstrakt. Es macht eben einen Unterschied, wenn man tagelang toter Landschaft ausgesetzt ist und durch das Laufen ein Gefühl für die Dimensionen der Zerstörung bekommt.“

… und so ist es auch mit der Arbeitslosigkeit. Es ist eben was Anderes als Unbeteiligter oder Unbeteiligte die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit sich vorzustellen oder täglich der Tretmühle von Unsicherheit ausgesetzt zu sein.

So stellte auf einer Internetplattform in Mönchengladbach noch Anfang des Jahres 2019 ein Leser bezweifelnd die Frage, „ob Arbeitslosigkeit denn überhaupt Angst auslösen könne“.

Arbeitslose müssen schon still ihr Schicksal ertragen, dürfen nicht selbstbewusst ihre Situation nach draußen präsentieren. Das ist die Erwartung, seid mal schön still, Ihr werdet ja schließlich vom Staat alimentiert. … und ja, diese Erwartung wird – leider - überwiegend auch erfüllt.

Umso ärgerlicher ist es für Zeitgenossen, die den Betroffenen das stille Ertragen zuweisen, wenn sich einzelne dieser Erwartung wiedersetzen.

Dabei kommt noch eine andere Dimension der letzten Jahre in den Sinn, die ebenfalls den klischeehaften Blick auf die Arbeitslosen betrifft: Über Jahre geisterte und geistert immer noch die Mär von einem Bild über Arbeitslose, insbesondere Langzeitarbeitslosen, durch die Köpfe und die Gazetten – besonders hervorgeholt, wenn es um die Diskussion um das

Grundeinkommen geht. Diese Mär lautet:

Die wollen doch alle nicht arbeiten!

Der Aufschwung am Arbeitsmarkt der letzten Jahre beweist das Gegenteil, die Bereitschaft unzähliger Menschen sich in prekären Jobs zu verdingen steigt, selbst wenn der Lohn nicht zum Leben reicht. Dies wiederlegt eindrucksvoll die gesellschaftlich produzierte Wahrnehmung.

Die weiter bestehende hohe Zahl von Langzeitarbeitslosen verweist dagegen auf eine
andere gesellschaftliche Baustelle, deren Beantwortung nun seit Jahrzehnten aussteht:
Wenn Arbeit weiter der zentrale Ort für die Existenzsicherung und für gesellschaftliche
Beteiligung ist, dann bleibt die offene Frage, welche Angebote unsere Gesellschaft jenen
Menschen macht, die nicht zum Handwerksmeister, Ingenieur, für Pflegeberufe oder
sonstige Berufe zu qualifizieren sind.

Wie kann und will Gesellschaft sinnvolle und notwendige Arbeit organisieren für jene, die nicht beliebig qualifizierbar sind und für jene, die vielleicht nach dem Abflauen des nächsten Booms, durch Digitalisierung 4.0 oder entsprechend des Szenarios der Deutschen Bank demnächst nicht mehr durch Arbeit an der gesellschaftlichen Wertschöpfung, durch Produktion oder Dienstleistungen teilhaben werden. Und wie organisieren sich dann unsere Sozialsysteme?


Szenenwechsel: die Brocken Windows Theorie (Wiebicke S. 240 /241)

Alle kennen das mit diesen Worten umschriebene Phänomen. Wenn einer Müll irgendwo im Gelände entsorgt, wächst dieser auch schnell zu einem Berg an, wenn ein Fenster eingeworfen ist, folgt schnell das Nächste.

Was hier für öffentliche und private Räume beschrieben gilt m.E. auch für andere Räume. Wiebicke (S. 39) schreibt an einer Stelle: "Wenn wir die Räume um uns herum schön gestalten, dann verwandeln wir uns auch selbst. In liebloser Umgebung kann eine geschundene Seele nicht heilen".

Dieser Beschreibung kann der Autor dieser Zeilen auch mit eigenen Erfahrungen aus 35 Berufsjahren in der Begleitung durch Bildungs-, Arbeits-, Beratungs- und Begegnungsangebote beim Volksverein Mönchengladbach bestätigen.

Es hat beim Aus- und Umbau einer Betriebs- und Begegnungsstätte unter dem Aspekt begrenzter Mittel heftige Diskussionen gegeben, wie denn der neue Betriebsstandort auszustatten sei. Das einfachste und preiswerteste war, alle Wände der neu gestalteten Räume einfach weiß zu streichen. Ich konnte erreichen, dass ein auf Gestaltung sozialer Einrichtungen spezialisierter Innenarchitekt ein Farbkonzept nach den Funktionen der Räume entwickelte.

Die Umsetzung und dass in den neuen Räumen sich entwickelnde Tun bestätigten den Ansatz. Das Thema „Sauberkeit“, ehedem täglicher Begleiter in den Teamabstimmungen und der Organisation im Betrieb, reduzierte sich in der Aufmerksamkeit auf ein Minimum. Freundliche, hell gestaltete Räume entfalteten Ihre positive Wirkung:

Sie vermittelten Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden und Kundinnen, Besucher anderer Einrichtungen sprachen häufig von einem „anderen Klima“, das hier spürbar sei.

Solche Räume als Orte der Begegnung sind ja oft der Arbeitsplatz – oft auch ein Ort zur Entwicklung privater sozialer Kontakte.

Aber dieser Ort fehlt Langzeitarbeitslosen normalerweise, ebenso wie Möglichkeiten, viele Mittel in die über die Jahre stets gewachsene Freizeitindustrie und deren Bedeutung für Begegnungsorte zu „investieren“. „Wirtschaftliche Krisen“ – so schreibt Jürgen Wiebicke – und auch gesellschaftliche Krisen (Ergänzung BMA) „produzieren ein Geselligkeitsproblem“. Dieses Geselligkeitsproblem trifft besonders Arbeitslose, für die die eigene Wohnung meist nicht der Ort ist, andere einzuladen, weil Geld und Ausstattung fehlen, möglichen Gästen ein geeigneter Gastgeber zu sein. … und um die vielen kommerziellen Freizeitangebote nutzen zu können, dazu reicht bei Weitem der Hartz IV-Satz nicht aus.

Bruno Lelieveld, kath. Pfarrer und einer der Mitgründer des Volksverein Mönchengladbach, sagte sinngemäß schon Ende der 80-iger Jahre: Die Menschen am Rande, Arbeitslose und Arme, brauchen viele Bretter über den Sumpf der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung. Oder im Sinne der eben genannten Begriffe, sie brauchen viele solcher Räume, solcher Orte, um das Leben und den täglichen Kampf jenseits gesellschaftlicher Anerkennung zu bewältigen.

… und darum ist uns auch der Erhalt der Arbeitslosenzentren in NRW ein wichtiges Anliegen.

Die Bedeutung dieser Orte, wie es auch das Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach und zahlreiche andere Einrichtungen z.B. im Bistum Aachen sind, hat sich in der Politik, nicht nur lokal, leider noch nicht erschlossen!


 Gelingendes Leben

Auf seinem Weg trifft Wiebicke die Philosophin Susanne Boshammer. Er richtet an Sie die Frage, was aus Ihrer Sicht die Krankheit unserer Zeit sei. Ihre Antwort hat mit dem zu tun, was immer mein Arbeitsansatz war und liest sich als Zitat oder Einschätzung von Wiebicke so:

„Bis vor 10 Jahren hätte ich gedacht, es ist die Ohnmacht. Das sehr verbreitete Gefühl, dass die Bedingungen des Gelingens des eigenen Lebens in den Händen anderer Leute liegen, nicht in den eigenen. Heute dagegen beobachte ich, dass viele Leute gar keinen Begriff mehr davon haben, was gelingendes Leben überhaupt ist“. … und das es schon an der Vorstellung fehlt, wie ein besseres Leben aussehen könnte.

Damit sind wir eng bei der Entwicklung der Arbeitslosenarbeit und der Mobilisierungspotenziale. Langandauernde Vereinzelung, mangelnde Erfahrungen der Selbstwirksamkeit führen bei vielen Langzeitarbeitslosen eher zu Ohnmachtsgefühlen, Wut und Aggressionen oder einem Fatalismus gegenüber dem System, das einen so auf Trab hält.

Mit der Zunahme der Dauer der Arbeitslosigkeit wird die eigene Handlungsmächtigkeit immer geringer, Frustration, Ohnmacht, Verlust von Struktur, Lebenswille und einem stärkenden sozialen Umfeld nehmen zu und die Idee oder der Glaube an das bessere Leben, oder wie es aussehen könnte, diese Idee, dieser Glaube und diese Hoffnung verschwinden im stillen

Kämmerlein gesellschaftlicher und teilweise sozialer Isolation. Und da sind wir u.a. wieder bei den Sozial- und Begegnungsräumen, in denen Austausch statt Individualisierung stattfinden kann, in denen Geschmack auf Gemeinschaftserfahrungen des gelingenden Lebens spürbar und möglich wird, in denen neu - oder manchmal auch erstmals -ein soziales Netz gesponnen werden kann, in denen miteinander gehandelt werden kann6.

Wie heißt es bei Raoul Follereau „Allein kannst Du nicht glücklich sein“.

Resonanz und Kooperation

„Das natürliche Ziel der Motivationssysteme sind soziale Gemeinschaft und gelingende Beziehungen mit anderen Individuen, wobei dies nicht nur persönliche Beziehungen betrifft, Zärtlichkeit und liebe eingeschlossen, sondern alle Formen sozialen Zusammenwirkens. Für den Menschen bedeutet dies: Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung, oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind - aus neurobiologischer Sicht - auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen. … Die Motivationssysteme schalten ab, wenn keine Chance auf soziale Zuwendung besteht

(Hervorhebung BMA), und die springen an, wenn das Gegenteil der Fall ist, wenn also Anerkennung und Liebe im Spiel ist. Unabhängig von neurobiologischen Studien ist … seit längerem bekannt, das soziale Isolation oder Ausgrenzung, wenn sie über lange Zeit anhält, zu

Apathie und zum Zusammenbruch jeglicher Motivation führt. … Über längere Zeit vorenthaltener sozialer Kontakt hat den biologischen Kollaps der Motivationssysteme des Gehirns zur Folge.“7

Deutlicher kann man wohl den Stellenwert von Arbeitslosenzentren als Begegnungseinrichtungen nicht formulieren und deren Notwendigkeit dokumentieren.

6 Vgl. Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren. / Hamburg 2006 – 1. Aufl. S. 192 „Etwas ganz konkret miteinander zu machen, ist ein meist völlig unterschätzter, tatsächlich aber in hohem Maße Beziehung stiftender Aspekt...“

7 Joachim Bauer – Neurobiolog, Mediziner und Psychotherapeut in seinem Buch: Prinzip Menschlichkeit - Hamburg 2006 – 1.Aufl / S. 34ff.


 Schmerz und Aggression

„… Das Schmerzen Aggressionen hervorrufen, ist intuitiv nachvollziehbar. Warum aber rufen auch bedrohte oder verloren gegangene Bindungen Aggressionen hervor?

Neurobiologische Untersuchungen haben im Blick auf den Zusammenhang zwischen sozialer

Zurückweisung und Aggression eine interessante Antwort zutage gefördert: Sozial konstruierte Lebewesen wie der Mensch reagieren auf den Ausschluss aus der Gemeinschaft nahezu identisch wie auf körperlichen Schmerz. Das Gehirn macht zwischen „social pain“ (sozialem Schmerz) und „physical pain“ (körperlichen Schmerz) kaum einen Unterschied. Soziale Isolation wird vom Körper also nicht nur psychisch, sondern auch neurobiologisch als Schmerz erlebt und mit einer messbaren biologischen Stressreaktion beantwortet. Wie schon erwähnt konnte eine Arbeitsgruppe um Naomi Eisenberger mittels funktionaler Kernspintomographie nachweisen, dass soziale Isolation wichtige Teile der neurobiologischen Schmerzzentren des Gehirns aktiviert. (Hervorhebung BMA)

Der Organismus sozial ausgerichteter Lebewesen betrachtet also keineswegs nur ausreichend Nahrung und die Abwesenheit von Körperlichen Schmerz als unabdingbare Voraussetzung seiner biologischen Unversehrtheit. Bindung und soziale Akzeptanz sind - aus biologischer Perspektive! - ebenso unverzichtbar.“8

Vielfach werden die Auswirkungen und der Zusammenhang von Langzeit-Arbeitslosigkeit und (psychischer) Erkrankung nicht wahrgenommen. Soziale Akzeptanz wird den Betroffenen kaum entgegengebracht. Der Sozialraum „Amt“ wird oft als Gängelungsinstanz aber nicht als Ort von Akzeptanz oder gar als Bindungsort erfahren. Im Gegenteil: der von Johann Galtung geprägte Begriff der „Strukturellen Gewalt“ ist oft eher der das Erleben der Betroffenen bestimmende Ausdruck. Ihr Leben wird durch prekäre Lebensverhältnisse, Armut, Fremdbestimmung, Entblößung gegenüber dem Amt und mangelnden Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben bestimmt. Chancen auf Integration in Arbeit und Gesellschaft werden realistisch als sehr begrenzt eingeschätzt – und dann in einer Weise, die von den bestehenden Lebensverhältnissen in der Langzeit-Arbeitslosigkeit wenig abweicht.

Diese Beobachtung bündelt sich angesichts der beschriebenen Problemlagen zumindest teilweise in der Aussage Joachim Bauers: „ Arbeitslose sind in noch stärkerem Ausmaß von psychischen Erkrankungen betroffen als Erwerbstätige, psychische Störungen sind bei Arbeitslosen sogar die häufigste Gesundheitsstörung.“9

Und an anderer Stelle heißt es:

„Arbeitslos zu sein ist für Menschen, die gerne arbeiten würden, eine besonders üble Form der sozialen Ausgrenzung. … Sinnsuche - das Erkennen von Zusammenhängen – gehört zu den biologischen Grundeigenschaften und Grundbedürfnissen des menschlichen Gehirns. Wer fortwährenden schweren Sinnlosigkeitserfahrungen (dazu gehört auch schwere Gewalt)ausgesetzt ist, wird am Ende verrückt...“ 10

8 Ebd. S. 78 f
9 Ebd. S. 74
10 Joachim Bauer – Arbeit / Warum unser Glück von Ihr abhängt und wie sie uns krank macht München 2013 – 1. Aufl. S. 49f

Zum Abschluss dieses Statements...

... sei noch einmal auf ein verbindendes Element der verschiedenen vorgetragenen Facetten hingewiesen. Es geht um Gerechtigkeit in einer reichen  Gesellschaft.

Menschenwürde und Gerechtigkeit, Menschenwürde und Arbeit sind zentrale Elemente für unsere Gesellschaft, die immer mehr auseinanderdriftet zwischen „arm und reich“, „Ost und West“ …

Wenn es im Sinne des Überlebens auf diesem Globus gilt, Klimaziele einzuhalten, dann ist es nicht weniger wichtig, das gesellschaftliche Klima nicht auseinanderdriften zu lassen.

Langzeitarbeitslosigkeit wird angesichts dessen derzeit wohl als „gesellschaftlicher Kollateralschaden“ betrachtet. Das liegt dann genau auf der Ebene der fehlenden Wertschätzung, die Betroffene damit gesellschaftlich und zwischenmenschlich erfahren – wie oben ausgeführt.

Dies wollen und können wir als Bündnis für Menschenwürde und Arbeit nicht akzeptieren.

Daher fordern wir den Arbeitsminister und die Landesregierung auf, die Arbeitslosenzentren und Beratungsstellen weiter zu fördern.

Es ist ohnehin schon zu wenig, was mit diesen dringend notwendigen Mitteln gefördert wird.

Und wenn sicher richtig die Situation prekär Beschäftigter verbessert werden soll, so sollen und müssen dafür zusätzliche Mittel bereitgestellt werden.

Zum Schluss noch ein markantes Zitat, das der Frage nach „mildtätigem, barmherzigen Handeln“ oder einem gerechten Handeln nachgeht.

Tonart-Wechsel Gerechtigkeit

Ich zitiere jetzt Dr. Hans- Jürgen Marcus, Diözesan-Caritasdirektor Hildesheim:

Im von Papst Franziskus im Jahr 2017ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit galt es zu fragen, ob Barmherzigkeit ausreicht oder ob es nicht mehr um die Verknüpfung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit geht:

„Kritisch wird man heute fragen müssen, ob die starke Rezeption des barmherzigen Samariters die Hilfebeziehung und damit die Barmherzigkeit insgesamt nicht allzu stark auf die private, persönliche Beziehung beschränkt hat? So wichtig die Fähigkeit ist, sich von fremdem Leid anrühren zu lassen, darf die Fürsorge niemals berechtigte Teilhabeinteressen verdecken oder überlagern. Muss man nicht Bischof Kamphaus folgen, der fragt, ob mit dieser Form von Barmherzigkeit nicht die Unrechtsstrukturen unserer Gesellschaft nur vertuscht und ungewollt stabilisiert werden? Und er schreibt weiter:

„Es genügt doch nicht, den unter die Räuber Gefallenen zu verbinden. Auf dem Rückweg von Jericho nach Jerusalem passiert ihm genau dasselbe wieder. Wir müssen die Übel an der Wurzel angehen. Wir müssen die Strukturen der Räuberei freilegen und zu ändern versuchen. Christliche Nächstenliebe hat sich heute im gesellschaftspolitischen Engagement zu bewähren.“

Aus: Barmherzigkeit UND Gerechtigkeit - Aspekte einer kirchlichen Verortung der verbandlichen Caritas (zum 60.Geburtstag von Präsident Prof. Dr. Peter Neher) von Dr. Hans- Jürgen Marcus, Diözesan-Caritasdirektor Hildesheim
 
Mönchengladbach, 06.03.2020
Für das Bündnis für Menschenwürde und Arbeit
Hermann-Josef Kronen
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